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Ausbildungst├Ârn Ostern 2004


M├Ąnner mit 40 sind ein Problem: Mal sentimental der vergangenen Jugend nachtrauernd und depressiv ob des erreichten Alters, dann wieder v├Âllig absorbiert von der endlich erreichten Karriere und aggressiv aufgrund mangelnder Ausgleichsaktivit├Ąten. So birgt dieses Datum manche Klippe, die es zu umschiffen gilt. Also sind Ablenkung und neue Ziele gefragt - der Bursche soll  die Topsegel hissen, mein Mann sollte segeln lernen, ohnehin ein l├Ąngst gehegter Traum, und endlich im Schiff ablegen und nicht traurig im Hafen zur├╝ckbleiben.

Welch ein Staunen, als wir feststellten, da├č es in Deggendorf, auf dem ┬äplatten┬ô Land, eine Segelschule gibt! Im Eiltempo wurde die Anmeldung durchgezogen und schon ging's los mit sonnt├Ąglichen Theoriestunden, aber auch bald Jollenunterricht und Motorbootstunden. Schon vor Abschlu├č der Pr├╝fung stand fest, da├č die Seefahrerei sich nicht nur auf den Burgsee beschr├Ąnken sollte, sondern via SFB See und SKS auch fernere Gestade angesteuert werden sollten. Nach einem halben Jahr wurde ein innerliches Murren bei mir immer lauter, denn mein zu Segeln begonnnen habender Mann war an Sonntagen und auch sonst kaum noch greifbar, da stets besch├Ąftigt mit Seekarten, Seezeichen. Bojenlehre, Wetterkunde etc. Aber Jammern war nicht m├Âglich, denn schlie├člich hatte ich das Ganze ja selbst ausgel├Âst!

Kurz vor Weihnachten 2002 war der Ausbildungst├Ârn in der Adria, Ausgangshafen Portoroz, Slowenien, beschlossene Sache. Matthias erwirkte bei Max, unserem Skipper, da├č ausnahmsweise ein ┬äBadegast┬ô, n├Ąmlich ich, mitgenommen wird. Wenn schon keine Motorradtour, wie sonst bei uns ├╝blich an Ostern, so doch wenigstens eine gemeinsame Kaj├╝te an Bord einer Yacht. Max und ich trafen uns zwei-, drei-mal vor dem gro├čen Planungstreffen und Mann fand sie schon in Ordnung. Als er mir mitteilte, da├č ich auch noch Hand anlegen werde auf dem Schiff und das nicht nur in der K├╝che, wurde mir langsam mulmig: Hatte ich mir doch schon eine erholsame meditative Seglerei ertr├Ąumt mit allenfalls gelegentlicher Dekoration des Vordecks.


Schon bei der Vorbesprechung der Organisatorik wurde klar, da├č ich mehr zu tun hatte: ich wurde zur Dame der Schiffskasse und damit gleich Haupteink├Ąuferin der Naturalien. Aber durch jahrelanges Wohnmobilieren sollte das kein Problem darstellen.

Au├čerdem lernte ich neben Max die ├╝brige Besatzung kennen: Ludwig, ein Architekt, Stephan, ein Architek und Hermann, ein Telekommunikations-ingenieur, der kein ┬äLehrling┬ô war wie ich, sondern bereits Segler war und unser Co-Skipper wurde. Ich war also die einzige Frau an Bord  umgeben von lauter M├Ąnnern!

Traum oder Albtraum?

Da ich schon immer haupts├Ąchlich mit Jungen gespielt habe und auch zuhause einzige Frau im Hause bin, sah ich auch hierin kein Problem. Nur das Segeln und die Wellen und das weite Meer und... die Seekrankheit jagten mir immer wieder panikartige Schauer ├╝ber den R├╝cken.

Ich deckte mich mit Superpeb forte und Scopoderm ein und versuchte mit optimaler Ausr├╝stung meine Angst zu bek├Ąmpfen. Nachdem unsere Kinder bei der Oma abgegeben worden waren, ging's am 3.4.04 endlich los. Noch am Vorabend w├Ąre ich mit Freuden sofort und viiiel lieber aufs Motorrad gestiegen.


Der erste Tag

Es ist also Palmsamstag und die Autos stauen sich durch die Alpen, allerdings hinter uns, denn wir waren schlie├člich zu nachtschlafener Zeit in Deggendorf aufgebrochen. Um 0900 kurzer Fr├╝hst├╝ckstreff mit den anderen Kursteilnehmer, die sich auf drei Schiffe verteilten: eine reine M├Ąnner-Crew mit Skipper Ernst, ein M├Ąderl-Schiff mit Skipper Franz und wir - mit Badegast. Bei vorfr├╝hlingshaftem Wetter d├╝sen wir ├╝ber den Katschberg gen Villach, wo die letzten Vorr├Ąte gebunkert werden - vor allem Bierdosen - ├Ąu├čerst wichtige Utensilien! Mittags brausen wir an Triest vorbei und pl├Âtzlich ist unser Auto das erste der langen Reihe. Die chaotischen Verh├Ąltnisse der Stra├čenf├╝hrung und Beschilderung erfordern eingehende navigatorische F├Ąhigkeiten und gegen 1400 rollen mir in Slowenien ein. Um 1600 passieren wir die Schranke der Marina in Portoroz und nun gibt's kein Halten mehr. Die Schmetterlinge im Bauch tanzen einen wilden HipHop oder so ├Ąhnlich, als ich die vielen stolzen Yachten im Hafen liegen sehe, und ich erw├Ąge schon das Anbringen des Pflasters hinterm Ohr. ├ähnliche ├ťberlegungen bewegen auch Ludwig und Stephan beim Anblick unserer Yacht, einer Bavaria 44 namens AURORA, und unseres Gep├Ąck-Haufens davor. Unvorstellbar, da├č wir diese Massen innerhalb einer halben Stunde verladen haben! Beim ersten Gang ├╝ber Deck erkl├Ąrt mit Hermann einige Details und schl├Ągt abschlie├čend eine neue Rolle f├╝r mich vor: Galleonsfigur. ( Schein-bar sah ich ziemlich ratlos aus.)
Der erste Abend klingt nach herrlichen Pizzas bei einem Absacker an Deck aus.


Der zweite Tag

Am Sonntagmorgen weckt uns p├╝nktlich um 0700 eine ┬äliebliche┬ô Melodie, die aus Max Wecker durchs ganze Schiff dr├Âhnt - der Bayerische Defiliermarsch! Und das an der Adria! Nach dem Fr├╝hst├╝ck und Klarieren der Schiffsk├╝che gehen wir die Positionen durch, welche uns in den kommenden zwei Wochen zur zweiten Haut werden sollten: Tagesskipper ( Ludwig ), Navigator ( Matthias ), Smutje  ( Stephan ), Decksneger ( ich ). Diese Aufteilung der Aufgaben wird t├Ąglich rotieren, so da├č jeder 'mal am dransten ist. Max hat wohl vision├Ąre Eigenschaften, denn meine Tagesskipperei fand immer an einem Hafentag statt, was in Anbetracht meiner au├čerordentlichen Eigenschaft an Bord - Badegast/Galleonsfigur - nur mehr als gerecht erscheint.

Es folgt die Bootseinweisung mit besonderem Augenmerk auf die Bordtoiletten. Da├č ein Klo Ventile hat und dann falsches ├ľffnen oder Schlie├čen unter Umst├Ąnden fatale Folgen zeitigt, finde ich be├Ąngstigend, aber offensichtlich wichtig. Die Schoten an Deck liegen in einem sauberen Gewirr an ihren Pl├Ątzen und so k├Ânnen wir um 1000 in See stechen. Das Motorbootfahren mu├č als Erstes ge├╝bt werden, damit das Schifferl auch wieder in den Hafen zur├╝ckkommen kann.


Dann werden die Segel gehisst. Ein gro├čer Augenblick!

Die Kurse ┬äam Wind┬ô, ┬ähalber Wind┬ô und ┬äraumer Wind┬ô sind auch mir bald verst├Ąndlich. Wir sitzen im Kreis im Cockpit und rotieren auch hier von der Vorschot steuerbord zur Gro├čschot, dann ├╝ber die Vorschot backbord zum Ruder und so weiter. Auch Wenden und Halsen klappt schon ganz ordentlich. Am Ende des Tages steht f├╝r mich fest: Segeln ist toll, nur das Schiff will nicht so wie ich oder ist es umgekehrt?


Nach dem Anlegen in unserer Box wird der ber├╝hmte Anlegeschluck eingenommen, und ich verstehe, warum das Lager mit Bierdosen so voll sein mu├č. Dieser Augenblick des Zuprostens nach gelungenen Man├Âvern verschiedenster Art schwei├čt die Crew zusammen und l├Ą├čt angenehme wohlige Zufriedenheit aufkommen.

Abends in unserer Box kochen  der Smutje und der Decksneger Spaghetti mit Thunfisch-Tomaten-Sauce,  dazu servieren wir Chianti. Kulinarisch soll es uns in diesem Urlaub an nichts fehlen! Unter diesem Motto hatten wir schlie├člich auch eingekauft.


Der dritte Tag

Gl├╝cklich und mit etwas mehr Selbstvertrauen in Sachen Segeln ( sieh' an: doch nicht nur Badegast! ) gehe ich in den n├Ąchsten Tag. Heute ist Max gro├če Stunde, denn er ┬äbeobachtet die Boje┬ô - ununterbrochen und st├Ąndig, bis sie jeweils wohlbehalten an Bord gebracht ist im Rahmen des Man├Âvers ┬ä Boje ├╝ber Bord┬ô. Unter ┬äFahren im Kreis┬ô, einem weiteren Pflichtman├Âver, gelangen wir bis Izola. W├Ąhrend einer Fastflaute bin ich Ruderg├Ąnger und es will mir einfach nicht gelingen, den Kurs zu halten, das Schiff dreht sich wie es will. Ich will den Motor einschalten, aber der Tagesskipper - mein Mann - ist dagegen. Es kommt, was niiiiie passieren darf, der Smutje verweigert den Befehl und verl├Ą├čt das Ruder! Ich bin ganz klein und dumm und froh, als wir schlie├člich - unter Motor! - zur├╝ck in den Hafen fahren.

Den Anlegeschluck genie├čen wir diesmal gemeinsam mit der Crew der BAYDO, eine Gibsea 44. Die Komb├╝se bleibt heute kalt - wir laben uns an Meeresfr├╝chten aus slowenischer K├╝che.

 

Der vierte Tag

Heute ist unser 3. Tag an Bord und ich bin zum Navigator, was Logbuchf├╝hrung includiert, aufgestiegen. Matthias als Decksneger macht sich w├Ąhrend unseres Landganges durch Izola ans Gro├čreinemachen und macht seine Sache sehr gut. Was M├Ąnner mit 40 so alles k├Ânnen, wenn's drauf ankommt!!! Wir erkunden derweilen die slowenische Hafenstadt, kaufen frisches Obst und Tomaten und schl├╝rfen in einem Cafe Cappuccino mit H├Ârnchen. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich bl├╝hende Mimosen.

Gegen Mittag legen wir ab und ├╝ben Hafenman├Âver: rein in die Box, raus aus der Box und gleich noch einmal. Eindampfen in die Vorspring beeindruckt mich gewaltig, da ich aber keine Skipperambitionen habe, halte ich mich stark zur├╝ck, denn wie gesagt, das Schifferl folgt mir noch nicht und beim N├Ąherkommen der Betonmauer mache ich mir Sorgen um das Heil der Bordwand. Am Nachmittag lernen wir die Q-Wende kennen. Warum ┬äQ┬ô wei├č ich heute noch nicht, aber die-ses Man├Âver ist ein Mordsspa├č! Dabei lerne ich das Schiff kennen und lieben und wir kommen pr├Ąchtig miteinander aus! Wie herrlich es ist ┬äSchoten los┬ô zu br├╝llen und mit Karacho in die Kurve zu gehen, um die Boje aufzunehmen, h├Ątte ich mir nie tr├Ąumen lassen.

1700: der Wind frischt auf, 1730: Segel reffen und ┬äLage┬ô fahren. Beim Anblick der Kr├Ąngung wird es mir mulmig, aber Hermann hat wie immer auf diesem T├Ârn tr├Âstende Worte f├╝r mich: Keine Sorge, das Schiff kann nicht kentern! Es kentert h├Âchstens durch! Toll!

Der verdiente Anlegeschluck erfolgt erst um 1945 - heute Istrabenz, die slowenische Variante des Campari.

 

Der f├╝nfte Tag

Es ist sp├Ąt geworden gestern Abend und so verschont uns der Wecker von Max. Wir schlafen aus.

Fr├╝hst├╝ck mit frischen Semmeln und Croissants, die Matthias nach seiner Joggingrunde mitbringt. Drau├čen tobt die Bora mit Windgeschwindigkeiten bis zu 35 Knoten ( See-leute w├╝rden von Beaufort 8 sprechen), au├čerdem regnet es heftig - ein Hafentag! Ich bin Tagesskipper. Wir machen es uns an Bord und in den Kojen gem├╝tlich, aber Max kennt kein Erbarmen und jagt uns im Graupelschauer am Nachmittag ins Marina Cafe zur Theorie mit Pr├╝fungsbesprechung.


Der sechste Tag

Wie ein Spuk ist am n├Ąchsten Tag der Sturm vorbei: herrlicher Sonnenschein mit einer Sicht bis zu den Alpen hinter Triest. Nur das gefrorene und spiegelglatte Deck verr├Ąt noch den Temperatursturz vom Vortag. Leider ist auch der Wind eingeschlafen und wir motoren nach dem Ausklarieren in Piran ├╝bers Meer nach Rovinj. Bis Novigrad ist allerdings das an sich tintenblaue Meer durch im Sonnenschein orange schimmernde Schwebstoffe verunreinigt: ├ľl!

Doch wir genie├čen die Sonne, Herbert ist jetzt Ruderg├Ąnger - unser Crewmitglied im Hintergrund und ohne Anspr├╝che, der Autopilot. P├╝nktlich um 1300 tauchen bei Porec zwei Delfine auf, kreuzen unseren Kurs und sind auch schon wieder verschwunden im ┬äbig blue┬ô. Die Zeit vergeht schnell bei Gespr├Ąchen ├╝ber Gott und die Welt. Am Nachmittag fangen wir dann auch den Wind wieder ein und h├Âren nach dem ┬äRoll aus Gro├čsegel┬ô und ┬äMotor aus┬ô, wie die Himmelsbrise in den Segeln fl├╝stert und von den wichtigen Dingen des Lebens erz├Ąhlt.

Es ist ein Traum: die Sonne, das Wasser, die Ruhe, die gebl├Ąhten Segel, der Wind - Herrgott, schau oba, da├č'd as seiba segst!
1800 erreichen wir die Marina von Rovinj. Das Anlegebier schmeckt wieder ausgezeichnet. In einem Fischlokal (┬ôToni┬ô) nahe dem Stadthafen genie├čen wir wieder Meeresfr├╝chte. Die allgemeine Stimmungslage ist grandios und wir lachen bis uns die Bauchmuskeln den Dienst versagen.

 

Der siebte Tag

Es ist Karfreitag: wir beabsichtigen die kommende Nacht auf See zu verbringen und die Adria mit Ziel Venedig zu queren. Dazu brauchen wir noch einige Vorr├Ąte und so gehen Stephan und ich einkaufen. Hermann schlie├čt sich uns an. Vielleicht haben es ihm die kroatischen Kassiererinnen angetan. Das Wetter ist wieder schlechter geworden - total bew├Âlkt, aber guter Wind. Heute ist strenges Training angesagt: ┬äBis euch das Wasser im A... kocht!┬ô lautet die Devise von Ausbilder Max. Leichte Anspannung macht sich breit, ich bin Smutje, Matthias Skipper. Um 1000 verlassen wir Rovinj zum ├ťben in und au├čerhalb der Bucht - Man├Âver rauf und runter, das ganze Programm in allen Variationen. Es klappt ganz gut, aber das Wetter ist grauenvoll: Regen - Regen - Regen und guter Wind, wir segeln 6-7 Knoten - immerhin! 1600 Ende der ├ťberei und R├╝ckkehr in den Hafen. Wir sind ziemlich na├č, vor allem die Handschuhe. Ja, Segeln mu├č nicht Spa├č machen! Hat aber doch!

Den Anlegeschluck spendiert heute Max: Glenfield Scotch. Da wir alle ziemlich ersch├Âpft und durchgefroren sind und das Wetter schlecht ist, wird die Nachtfahrt auf den kommenden Tag verlegt. So k├Ânnen wir zur Hackfleischsauce mit Linguini einen Chianti und den Schokopudding zum Dessert genie├čen.


Der achte Tag

Am Karsamstag, gleich nach dem Aufstehen ereilt uns durch Hermann ein Notruf: bewu├čtloser Mann an Bord einer Yacht. Es ist ein deutsches Ehepaar. F├╝r ihn kommt unsere Hilfe leider zu sp├Ąt, da er einem pl├Âtzlichen Herztod erlegen ist. Kroatische Polizei, Versuch mitmenschlichen Zuspruchs, Hilfe bei den Formalit├Ąten. Auch das kann Seemannschaft sein.

Nach dem Fr├╝hst├╝ck in gedr├╝ckter Stimmung wird ausklariert und Stephan unser Tagesskipper nimmt Kurs auf Venedig, den ich mit Hermanns Hilfe bestimme. Auch das Navigieren macht Spa├č! Nur gut, da├č  mich ein ┬äGeheimagent┬ô, so wird Hermann als Telekommann genannt, kontrolliert und beobachtet, denn sonst h├Ątten wir ein echtes Problem gehabt: Kurs Richtung Bologna. Navigation will scheinbar auch gelernt sein. Aber ich wollte einfach etwas l├Ąnger unterwegs sein!

Unsere Reiseleitung sorgt wie immer f├╝r Unterhaltung, wobei auch der Naturliebhaber nicht zu kurz kommt, denn wieder um 1300 taucht eine ganze Delfin-Schule auf. Direkt neben dem Schiff kommen sie aus dem Wasser sogar mit einem kleinen Sprung und begleiten uns am Bug ein kurzes St├╝ck. So pl├Âtzlich wie sie aufgetaucht sind, verschwinden sie wieder. Im Konvoi mit JONATHAN PINK, dem M├Ąderl-Schiff, fahren wir am Sp├Ątnachmittag an Punta Sabione vorbei in den Canal Grande bis hinauf zum Markusplatz. Stephan , der Tagesskipper, steht mit strahlenden Augen am Ruder und mu├č sich bei dem zunehmenden Verkehr ziemlich konzentrieren. Wir genie├čen den gro├čen Augenblick. Gegen 1800 laufen wir in St-Elena ein, es ist endg├╝ltig Fr├╝hling.

Ein goldener Lichtschein liegt ├╝ber der Stadt und die Luft ist mild und salzig, ein vielleicht etwas abgestandener Lagunengeschmack dabei. Der morbide Charme von Venedig. Stephan hat erstklassig ┬äeingeparkt┬ô, es ist sehr eng. Der Anlegeschluck schmeckt wunderbar, wir sind alle sehr zufrieden und freuen uns auf die abendliche Pizza. Die Wahl des Lokals wird heute allerdings bei drei Crews und mindestens zehn verschiedenen W├╝nschen zur Qual, bis irgendeiner ein Machtwort spricht bzw. tut und einfach ein Restaurant betritt. Am sp├Ąteren Abend trennen sich die Wege der Gef├Ąhrten und einige streben den venezianischen Bars zu, andere streifen durch die n├Ąchtliche Lagunenstadt. Zur├╝ck am Schiff treffen Matthias und ich auf die Crew der BAYDO, nehmen noch ein Schl├╝ckchen Wein und legen uns zur Ruhe.

Sp├Ąt nachts h├Âren wir den Rest der Crew an Bord kommen - sie hatten sich in den vielen Gassen, oder wo sonst (?) verirrt.

 

Der neunte Tag

Frohe Ostern ruft uns ein Hase auf dem Salontisch zu, als wir am Ostersonntag aufstehen. Wir haben einen fr├╝hlingshaften Hafentag vor uns, an dem ich wieder der Skipper bin. Max, Matthias, Ernst, der BAYDO-Skipper und ich besuchen die Ostermesse im Markusdom. Wir staunen, es geht dreisprachig zu, sogar die Predigt wird in unserer Sprache auf Zetteln verteilt. Aber ich wei├č gar nicht wie mir geschieht: war der Wein gestern zu viel? Der ganze Dom schwankt! Der Boden rutscht schr├Ąg vor mir Richtung Vertikale. Mir kam heute schon die Duschkabine so wackelig vor, jetzt ist auch der Dom nicht mehr stabil! Offensichtlich ist die Landkrankheit das gr├Â├čere Problem als die Seekrankheit:

Den Osterschluck nehmen wir in Form von Cappuccino vor dem Dogenpalast mit Kammermusik als Begleitung. Ein edler, wenn auch teurer Spa├č! Danach machen wir uns zu viert auf den Weg nach Murano. Im Gewirr der Menschenschlangen vor den ┬äBus┬ôHaltestellen weist uns eine resolute Black Beauty den Weg. Als sie Max auch noch zuzwinkert, ist's um ihn geschehen. Mit M├╝he k├Ânnen wir ihn in unseren Reihen halten. An der Friedhof-Insel S.Michele steigen wir aus. Doch die Tore sind verschlossen. Wir haben vergessen, es ist doch Ostern, was will man da auf dem Friedhof?


Murano ist kleiner, ruhiger und langsamer als Venedig und es herrscht weniger Trubel in den Kan├Ąlen und auf den Br├╝cken. Wir trudeln durch die G├Ąsschen und bleiben an der einen oder anderen Kneipe h├Ąngen. Den Abschlu├č bildet ein Stra├čencafe zwischen Platanen und mit Blick auf einen kleinen Leuchtturm, im Hintergrund Musik von Chris de Burgh.

Bei einem Spaziergang entlang der Mole am Canal Grande vor dem Abendessen feiere ich Abschied von Venedig: Die Sonne versinkt langsam und taucht die ganze vor uns liegende Szenerie Venedigs in ein bla├črosa, dann orange und schlie├člich rot verschleiertes Bild.

 

Der zehnte Tag

Heute geht's quer ├╝ber die Adria zur├╝ck in unseren Heimathafen Portoroz. Wir laufen um 0930 aus, die JONATHAN PINK ist bereits um 0500 gestartet, da ihre Dufour einen st├Ąrkeren Tiefgang hat und sie zu einem sp├Ąteren Zeitpunkt nicht mehr aus dem Hafen gekommen w├Ąren.

Es ist bew├Âlkt, Windst├Ąrke 5-6 Bft. Wir verlassen unter Motor die Lagune von Venedig und setzen schon gerefft Segel. Matthias ist gl├╝cklich, der Wind pfeift ordentlich und die Wellen t├╝rmen sich immer st├Ąrker auf. Das hat er sich gew├╝nscht - richtiges Seewetter, um nicht zu sagen Sturm. Es geht so auch sehr gut voran mit bis zu 8,5 kn. Da der Wind von NO kommt, m├╝ssen wir wenden und kreuzen und verlieren doch zunehmend an H├Âhe. Der Himmel l├Ą├čt wieder die Sonne durchblitzen und verwandelt so das unruhige Wasser in Quecksilber, das wir mit unserem Schiff durchschneiden. Ich bin fasziniert von diesem Farbenspiel und der Gewalt des Windes und des Meeres. Dar├╝ber verliere ich meine Konzentration und versp├╝re urpl├Âtzlich aufsteigende ├ťbelkeit. Jetzt mu├č meine Reiseapotheke zeigen, was sie kann: schon vor Abfahrt hatte ich mir alle notwendigen Dinge in die diversen Taschen gesteckt, damit ich ja nicht unter Deck mu├č. Wie gut! Die Lage erfordert Polipragmasie und so wird zum geklebten Pflaster flei├čig Superpeb gekaut. Hermann bugsiert mich in den Niedergang, den er mir ausnahmsweise und heldenhaft ├╝berl├Ą├čt. Das ist der g├╝nstigste Platz gegen Seekrankheit auf dem Schiff. Matthias steht am Ruder und geht auf im Wind, in den Wellen und den Reaktionen des Schiffes - wird selbst zum Segel.

Ich f├╝hle mich allein und ausgeliefert. Beim Passieren einer Wetterstation w├╝nsche ich die sofortige ├ťbergabe meiner Person auf dieses unbemannte St├╝ck festes Stahlkonstrukt. Nur runter von diesem Kahn! Kosten spielen keine Rolle, falls mich sp├Ąter ein Helikopter abholen kommt. Ich beginne f├╝r mich Lieder zu singen gegen den Wind und gegen die ├ťbelkeit - es hilft. Ich kann wieder klar denken und geradeaus sehen, trotz andauernder Fahrt ├╝ber 3 bis 4m hohe Wellen mit gischtenden K├Ąmmen. Als Max die Entscheidung trifft nach Caorle abzulaufen, bin ich dankbar und doch scheint eine Ewigkeit zu vergehen ehe wir in den absolut ruhigen Hafen einlaufen. Noch 200m vor der Hafeneinfahrt war diese aufgrund der orkanartigen B├Âen, die die See kochen lie├čen und alles in Gischt versinkt, nicht auszumachen.

Kurz nach dem Festmachen hat der Anlegeschluck f├╝r uns alle eine ganz neue Bedeutung. Jeder hat f├╝r sich wohl ein Grenzerfahrung gemacht, die mich trotz allem f├╝r immer gefangen halten wird.


Um 1915 erreicht uns ein Funkspruch der BAYDO: Das M├Ąderl-Schiff hat nach 14 Stunden Tortur den Hafen von Portoroz gl├╝cklich erreicht. Respekt! Die BAYDO-Crew hat bereits 3,5 sm au├čerhalb von Venedig beigedreht und verbringt die Nacht in San Giorgo.

 

Der elfte Tag

Der Dienstag bringt etwas friedlicheres Wetter ohne Regen mit noch immer gewaltigen Wellen bei  kr├Ąftigem Wind mit B├Âen bis 35 kn , so da├č wir die Wellen schr├Ąg steil nach oben und wieder schr├Ąg nach unten ins Tal rauschen. Mir rutscht das Herz schon wieder in die Hose, aber wenigstens ohne die zerm├╝rbende Seekrankheit. So gelangen wir unter Segel bis auf die H├Âhe von Umag, von wo aus wir unter Motor zum Einklarieren nach Piran fahren. Nat├╝rlich wird auch heute noch ge├╝bt: Der Aufschie├čer bei der Q-Wende, bei dem es gilt den ┬äG┬ô-Punkt zu treffen, der Rest geht bekanntlich von allein. Wie im richtigen Leben!  


Die letzten Tage sind gepr├Ągt vom ├ťben f├╝r die Pr├╝fung auf dem Meer und auf dem Salontisch mit aufgeklebtem Windpfeil. Sogar ein ┬äAblenkungsman├Âver┬ô wird diskutiert und hier soll mir eine neue Rolle zufallen. Stephan ist gro├čz├╝gig: ┬äSag was du brauchst, und wir besorgen's dir!┬ô


Am Tag vor der Pr├╝fung mu├č ich mich f├╝rs erste vom Segeln verabschieden, denn als Badegast werde ich am Pr├╝fungstag keine Hand ans Ruder legen. Es tut ein bi├čchen weh, den Ruderstand zu verlassen, aber ich habe bereits beschlossen, da├č das nicht mein letztes Man├Âver war.


Der dreizehnte Tag ┬ľ der Tag X

Der Pr├╝fungstag beginnt regnerisch und zieht sich durch eine nervierende Warterei unheimlich in die L├Ąnge. Max erscheint gestriegelt und duftend - er ist heute erstmals Pr├╝fer. So wird unser Co-Skipper zum Skipper und Ausbilder, was auch f├╝r Hermann mehr als nervenaufreibend ist. Keiner bleibt verschont und jeder hat seine Methode, die Wartezeit zu ├╝berbr├╝cken: Matthias war schon joggen, Stephan ist die Ruhe selbst und l├╝mmelt auf der Couch, Ludwig ist still und in sich gekehrt wie immer, ich kaufe ein, bereite Mittagessen, dusche ausf├╝hrlich, unterziehe mich einem f├╝r Seglerverh├Ąltnisse langwierigem ┬äWellness┬ô-Programm und d├Âse auf einem besonders weichem herumliegendem Pullover. Endlich sollen wir um 1500 auslaufen und den Pr├╝fer von einem anderen Schiff ├╝bernehmen. Der Pr├╝fer ist distanziert und Hermann findet keine ┬äKlette┬ô bei ihm,  um ihn in ein auflockerndes Gespr├Ąch zu verwickeln.
Unsere vorbesprochene Pr├╝fungsreihenfolge wird gesprengt. Das Man├Âver Beidrehen zum Beiliegen wird im str├Âmenden Regen und Minimalwind zum Problem und ein minimal zur├╝ckpendelnder Gro├čbaum als Patenthalse deklariert. Alle anderen Segelman├Âver und Mann ├╝ber Bord-Man├Âver unter Motor werden souver├Ąn durchgef├╝hrt. Als kr├Ânenden Abschlu├č sollen wir die AURORA in die Box fahren. Die Nervosit├Ąt zerrt an unser aller Nerven, so da├č es erst im zweiten Versuch problemlos gelingt -  allerdings in der Nachbarbox. Das haben wir in dieser Situation nicht mehr gemerkt! Der Pr├╝fer f├╝hlt sich verkohlt und wird zickig, m├Âchte die Scheine nicht rausr├╝cken. Nach einigem Hin und Her ist um 2000 die Lage schlie├člich gekl├Ąrt und alles gut!


Endlich knallen die Sektkorken, ich bin so erledigt, da├č ich mit meinen zitternden Knien nicht mehr ├╝ber die H├╝hnerleiter an Bord steigen kann.

Wir feiern mit allen drei Schiffen bis fr├╝h in die Morgenstunden und sind ein bi├čchen traurig, da├č wir morgen nicht wieder in See stechen k├Ânnen.

 

Die Aussicht auf einen Ged├Ąchtnist├Ârn tr├Âstet uns ├╝ber den Abschied etwas hinweg.

 

Andrea

 

 

 Ostern 2004 in Venedig, Marina St-Elena

 von Links nach rechts: Ludwig, Max, Hermann, Andrea, Matthias, Stephan

                                                                          

 Herrlicher Weitblick auf die schneebedeckten Alpen

 







 

 

Venedig

 

 

 

Piran

 

 




Portoroz 

 

Die Crew der Aurora


 

Crew der Jonathan Pink

 

 

 

   Wo sind wir jetzt eigentlich!?

Crew der BAYDO

2004 Segelclub Deggendorf e.V.